"Hätt ich ein ledig Stündlein Zeit" Zeitmanagement in den Jedermann-Dramen der Frühen Neuzeit und der Moderne

Donnerstag, 28.11.2019 , 19:00

Hörsaal 07, Neue Universität Heidelberg

Langtexte kommen meist von den VeranstalterInnen. Das Sozialforum ist hier nur Bote.

Vortrag im Rahmen der Interdisziplinären Vortragsreihe (IVR) Heidelberg (www.ivr-heidelberg.de)

Do, 28. November 2019 19:00 Uhr, Hörsaal 07, Neue Universität Heidelberg Prof. Dr. Robert Seidel (Institut für deutsche Literatur und ihre Didaktiks, Frankfurt am Main): "Hätt ich ein ledig Stündlein Zeit" Zeitmanagement in den Jedermann-Dramen der Frühen Neuzeit und der Moderne

In den Jedermann-Dramen der Frühen Neuzeit wird um jede Stunde gefeilscht. Wenn es ans Sterben geht, will der Protagonist Zeit gewinnen, um sein Schuldkonto vor Gott in Ordnung zu bringen. Im Everyman aus dem späten 15. Jahrhundert, neben dem niederländischen Elckerlijc der Prototyp aller Jedermann-Stücke, verlangt der Sünder zunächst eine Frist von zwölf Jahren. Nach kurzem Disput mit dem Tod muss er seine Forderung indessen merklich reduzieren: „Now, gentyll Deth, spare me tyll to morowe“. Nicht anders verläuft der Wortwechsel bei Hans Sachs im 16. Jahrhundert, und noch Hugo von Hofmannsthals Jedermann von 1911, der in mehr als einer Hinsicht weit in die Vormoderne zurückweist, beginnt den Handel dreist mit der Forderung nach „so zehn, zwölf Jahr“, muss sich aber schließlich mit einem „ledig Stündlein Zeit“ begnügen. Warum ist nun die Thematisierung der Frist, die dem Todgeweihten bleibt, im Jedermann-Spiel der Frühen Neuzeit so wichtig? Dieser Frage geht ein erster, kürzerer Teil des Vortrags nach.

Im zweiten Teil soll überprüft werden, was von diesem ‚Zeitmanagement’ unter den Auspizien der Moderne und der Postmoderne noch geblieben ist, oder anders gefragt: Gelingt es den Jedermann-Stücken des 20. und 21. Jahrhunderts, produktiv mit einem literarischen Motiv umzugehen, dessen Funktion in einem weitgehend säkularen Kontext entweder wegfallen oder merklich verändert werden müsste? Exemplarisch werden Texte von Hans Sachs, Walter Lesch, Fritz Hochwälder, Eugène Ionesco, Felix Mitterer und Martin Heckmanns untersucht.

Der Eintritt ist frei, eine Voranmeldung ist nicht erforderlich.

Nach dem Vortrag, der im Rahmen der Interdisziplinären Vortragsreihe (IVR) Heidelberg stattfindet (das Gesamtprogramm kann mit weiteren Informationen im Internet unter www.ivr-heidelberg.de eingesehen werden), besteht die Möglichkeit zum weiteren Austausch und zur Diskussion.

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